Westpreußische Dichter und Schriftsteller
Eine alphabetische Übersicht – Teil 4

In unserer Zeitung DER WESTPREUSSE erschien im Juni 1958, in der Nummer 17/18 zum Westpreußen-Bundestreffen in Bochum, eine zwölfseitige Zusammenstellung westpreußischer Dichter und Schriftsteller von E. Schmid.

Diese Zusammenstellung drucken wir  in Fortsetzungen ab, um an die Dichter und ihre Werke zu erinnern. Viele der genannten Personen sind heute nämlich nahezu vergessen und von vielen sind heute auch keine Bücher mehr im Handel. Wer die Werke lesen möchte, kann aber über Antiquariate danach suchen (im Internet z. B.: www.zvab.de oder www.amazon.de) oder in Bibliotheken danach fragen. Länger nicht ausgeliehene Bücher stehen dort oft doch noch im Magazin. Es gibt aber auch Spezialbibliotheken wie z. B. die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, wo Sie nachfragen können. Ihre Bibliothek vor Ort kann auch Fernleihen für Sie ausführen.

Da seit dem ersten Abdruck dieser Zusammenstellung fast 50 Jahre vergangen sind, war es jedoch notwendig, Änderungen bzw. Ergänzungen einzufügen. Nicht alle Fragen konnten wir klären.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, Ergänzungen haben, melden Sie sich bitte in der Redaktion.


Luise Adelgunde Gottsched

geb. Kulmus, genannt “Die Gottschedin”, geb. 11. 4. 1713 in Danzig, gest. 26. 6. 1762 in Leipzig. Sie war Ehefrau und Mitarbeiterin Johann Christoph Gottscheds, für dessen “Deutsche Schaubühne” sie französische und englische Stücke übersetzte. Auch schrieb sie selbst zeitkritische Lustspiele, unter anderem die Satire “Die Pietisterey im Fischbeinrock” (1737), die in Königsberg spielt, deren Volksszenen jedoch dem Danziger Volksleben entnommen und im Danziger Platt geschrieben sind.  Sie schrieb auch für fremdsprachige Zeitschriften, neben dem Theater waren die Ehe und die Rolle der Frau ihre Themen. Von Maria Theresia ist sie als die gelehrteste Frau Deutschlands bezeichnet worden.

Max Halbe

Dr. phil., geb. 4. 10. 1865 in Güttland bei Danzig, gest. 30. 11. 1944 in Burg bei Neuötting nahe München, war nach Hauptmann der bedeutendste Dramatiker des Naturalismus. In fast allen seinen Werken zeigt sich seine Verbundenheit mit seiner Heimat, so in dem Drama “Jugend” (1893), das ihn berühmt machte, in “Eisgang” (1892), “Mutter Erde” (1897), und “Der Strom” (1903). In dem Roman “Die Tat des Dietrich Stobäus” (1911) diente Halbes westpreußische Heimat ebenso als Hintergrund wie in der Novelle “Frau Meseck” (1897). Unvollendet geblieben ist sein in Danzig während des Dreißigjährigen Krieges spielender Opitz-Roman “Die Friedensinsel”, der 1945 von einem Salzburger Verlag veröffentlicht worden ist. Bedeutende autobiographische Werke Halbes sind “Scholle und Schicksal” (1933) und “Jahrhundertwende” (1935). Einige von Halbes Dramen sind mehrfach verfilmt worden.

Ernst Hammer

Prof. Dr. phil., geb. 17. 6. 1877 in Marienfelde bei Marienwerder, gest. 27.4.1940 in Adelby bei Flensburg, war vorwiegend Dramatiker. Die Themen seiner über dreißig Dramen hat er wiederholt der Geschichte und den Sagen seiner Heimat entnommen, so z.B. in dem Drama “Der Gekreuzigte” (1911), das die Sage vom Kruzifix in der Danziger Marienkirche behandelt, im “Marienburgfestspiel” (1924) und dem Festspiel “Bartolomäus Blume” (1928) und in den Dramen “Heinrich von Plauen” (1937) und “Tannenberg” (1938).

Georg Hantel

Dr. med., geb. 20. 9.1 845 in Frauenburg, gest. 1908, war Sanitätsrat in Elbing. Sein Liederkranz “Kahlberger Strandgut” (1855) ist vielfach komponiert und oft gesungen worden, und viele seiner patriotischen dramatischen Dichtungen wurden auf der Elbinger Bühne aufgeführt. Auch als Dialektdichter ist er bekannt geworden.

Agnes Harder

geb. 24. 3. 1864 in Königsberg, gest. 3. 2. 1939 in Berlin, gilt allgemein als ostpreußische Dichterin, doch kam sie bereits als Halbwüchsige nach Elbing, wo sie zwölf Jahre ihres Lebens verbrachte und das sie auch später noch oft besuchte. Von ihren Romanen, Novellen und Jugendbüchern spielen daher einige in Westpreußen, darunter ihr eigenes Lieblingsbuch, das Hundebuch “Schlumski”.

Ernst Hardt

geb. 9. 5. 1876 in Graudenz, gest. 3. 1. 1947 in Ichenhausen/Schwaben, Neuromantiker, wurde 1909 mit seinem Drama “Tantris der Narr” Träger der beiden Schillerpreise. Weitere Dramen von ihm sind unter anderem “Der Kampf ums Rosenrote” (1903) und “Ninon de Lenclos” (1905). Ferner schrieb er die Novellen “Priester des Todes” (1898) und “Bunt ist das Leben” (1902), darin die bekannte Novelle “An den Toren des Lebens”, die später auch gesondert erschien. 1904 veröffentlichte er seine Gedichte unter dem Titel “Aus den Tagen des Knaben”. 1946 erschien der Roman “Don Hjalmar. Bericht über vier Tage und eine Nacht.” Seine Übersetzungen zeugen ebenso wie seine eigenen Werke von seiner gepflegten Sprachkunst. Von 1919-1924 war er Generalintendant des Nationaltheaters Weimar, von 1926-1933 war er Intendant des WDR (bzw. zunächst Leiter des Senders Köln).

Hans von Hülsen

geb. 5. 4. 1890 in Warlubien/Westpr., gest. 14. 4. 1968 in Rom, aufgewachsen in Deutsch Eylau und Danzig, lebte später in Berlin, dann in Rom. Er war der Freund und Biograph Gerhart Hauptmanns. Als Dichter ist er durch eine Reihe von Romanen bekannt geworden, von denen verschiedene in Westpreußen spielen, so z.B. “Fortuna von Danzig” (1924) und “Güldenboden” (1928). 1930 erhielt er den Gerhart-Hauptmann-Preis. Nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentliche er seine Kindheitserinnerungen unter dem Titel “Der Kinderschrank” (1946). Ebenfalls autobiographisch ist sein 1947 erschienenes Werk “Zwillingsseele”.

Fritz Jaenicke

geb. 9. 12. 1885 in Deutsch Eylau, gest. 27. 7. 1945 in Danzig, war seit 1908 als kulturpolitischer Schriftsteller der “Danziger Neuesten Nachrichten” tätig. Er ist der Verfasser der im Danziger “Missingsch” geschriebenen und über Danzigs Grenzen hinaus bekannt gewordenen “Stammtischgespräche des Rentiers Poguttke”. Seine Roman “Dröse” ist unvollendet geblieben.

Anmerkung der Redaktion:
Von den meisten der genannten Autoren sind im deutschen Buchhandel aktuell keine Bücher lieferbar.
Eine Ausnahme bildet: Hans v. Hülsen: Römische Funde (Sternstunden der Archäologie, Bd. 1). Verlag Hans Hansen-Schmidt, 2. Auflage 1966. Leinen, 268 S., 37 Abb. auf Tafeln, 19 Euro, ISBN 3-7881-1501-7.


Aus “Der Kinderschrank”

Von Hans von Hülsen

Jetzt war Abend, später Abend sogar, fast schon Nacht; ein nächtlicher Gottesdienst belebte das weite, ehrwürdige Gotteshaus - zum ersten Male erlebte es der kleine Junge, und neugierig sogen seine Augen das ungewohnte Bild um ihn her ein, das beim Licht der Lampen so ganz anders als am hellen Tag: Ganz anders glühte die alte Goldornamentik an den grauen Wänden der Emporen, viel magischer schimmerte der zinnerne Pfeifenwald der Orgel, an den beiden Tafeln zu Häupten des Pfarrgestühls und des Patronatsgestühls, auf denen die Namen der Gefallenen aus vier Kriegen standen, glitzerten die alten Kreuze und Medaillen.

Und auf der Kanzel unter dem barocken Baldachin stand im schwarzen Talar der Vater und legte Gottes Wort aus, wie es für diese seltene, kostbare, keinem der tausend Hörer je wieder begegnende Stunde geschrieben stand... seine Worte hallten hin über den Jungen, dessen verspielter Kopf noch nicht viel von ihrem hohen und feierlichen Sinne begriff.

Aber dass etwas Besonderes vorging, das begriff er wohl; denn als die Orgel ihren Tonsturm verbraust hatte und man hinüberwanderte durch den verschneiten Garten ins niedrige Pfarrhaus, da wurde er noch nicht wie sonst vor dieser Stunde, ins Bett geschickt, sondern durfte aufbleiben mit den Großen, die um die dampfende Punschterrine saßen und viel süße Pfannkuchen dazu aßen; und dann nahm ihn plötzlich die Mutter bei der Hand, und alle zogen ihre warmen Mäntel an und gingen noch einmal hinaus auf den verschneiten Kirchplatz, durch dessen winterkahle Bäume der mächtige Schattenriß des uralten Gemäuers schimmerte. Still war es und unsagbar feierlich unter den blinkenden Sternen!

Aber Schauer fuhren dem Knaben durchs Gebein, als urplötzlich droben im Turm alle drei Glocken anschlugen, und ein dumpfes, schweres, unheimlich wuchtendes Geläut begann, as über den Kirchplatz und die kleine Stadt und den nächtlichen See und die weiten, wintervermummten Wälder hinhallte wie Trauergeläut: Sie läuteten das alte Jahrhundert zu Grabe, läuteten das neue Jahrhundert ein!

Und dann – als wollte dies zwanzigste Jahrhundert gleich in der ersten Minute sein wahres, grauenvolles Gesicht enthüllen, – dann setzte, dem feierlichen Glockenspiel sich vermählend und seine edle Harmonie grell übertonend und störend, das brüllende Konzert der Kanonen ein: Drüben überm vereisten See, löste die Artillerie einhundert Schüsse, – krachend fuhr der Hall und Knall dahin durch die schwarze Nacht... die Vorläufer von Milliarden und aber Milliarden Kanonenschüssen, die Jahr um Jahr des Jahrhunderts zerrissen, Millionen und aber Millionen jungen Menschenleiber zerfetzten, Millionen und aber Millionen Kinder zu Waisen, Millionen und aber Millionen Frauen zu Witwen machen – und einen in dieser denkwürdigen Nacht noch herrlich blühenden Erdteil in Trümmer legen sollten...

 

Aus “Scholle und Schicksal”

Von Max Halbe

Güttland liegt etwa eine halbe Wegstunde vom Weichselstrom entfernt, durch einen zwölf Meter hohen Deich oder Damm von ihm getrennt oder gegen ihn beschützt... Bei klarem Wetter hat man von der Höhe des Deiches eine herrliche, ja geradezu überwältigende Aussicht über die Lande weit und breit. Zu Füßen zieht sich das silbergraue Band des großen Stromes in manchen Windungen dahin, weiße Segel folgen seinem Lauf, da und dort stromauf, stromab taucht die Rauchfahne eines Dampfers auf oder breite Holztraften schwimmen zur See, von polnischen Flößern in weißen Schafspelzen gesteuert. Sie kommen weither aus Podolien, Wolhynien, von den Urwäldern des Bug, des Narew, des San, von Galizien und von der Tatra, aus deren Schneefernen die Weichsel entspringt, um sich dann, beinahe unvermittelt, in die sarmatische Tiefebene hinabzustürzen... Es war die Stimmung der Ferne, der Weite, der Unabsehbarkeit und Grenzenlosigkeit, im tiefsten und letzten Sinne: Der Sehnsucht, die aus diesen Landschaftselementen in die Welt meiner Kindheit einzog und von hier aus mein ganzes späteres Fühlen und Denken befruchtete und durchdrang.
 

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