Westpreußische Dichter und Schriftsteller
Eine alphabetische Übersicht – Teil 8

In unserer Zeitung DER WESTPREUSSE erschien im Juni 1958, in der Nummer 17/18 zum Westpreußen-Bundestreffen in Bochum, eine zwölfseitige Zusammenstellung westpreußischer Dichter und Schriftsteller von E. Schmid.

Diese Zusammenstellung drucken wir  in Fortsetzungen ab, um an die Dichter und ihre Werke zu erinnern. Viele der genannten Personen sind heute nämlich nahezu vergessen und von vielen sind heute auch keine Bücher mehr im Handel. Wer die Werke lesen möchte, kann aber über Antiquariate danach suchen (im Internet z. B.: www.zvab.de oder www.amazon.de) oder in Bibliotheken danach fragen. Länger nicht ausgeliehene Bücher stehen dort oft doch noch im Magazin. Es gibt aber auch Spezialbibliotheken wie z. B. die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, wo Sie nachfragen können. Ihre Bibliothek vor Ort kann auch Fernleihen für Sie ausführen.

Da seit dem ersten Abdruck dieser Zusammenstellung fast 50 Jahre vergangen sind, war es jedoch notwendig, Änderungen bzw. Ergänzungen einzufügen. Nicht alle Fragen konnten wir klären.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, Ergänzungen haben, melden Sie sich bitte in der Redaktion.


Johanna Schopenhauer

Tochter des Danziger Ratsherrn Christian Heinrich Trosiener, Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, geb.  9. 7. 1766 in Danzig,  gest. 16. 4. 1838 in Jena. 1784 heiratete sie den Danziger Kaufmann Heinrich Floris Schopenhauer, mit dem sie anfangs in Pelonken bei Oliva, später in Hamburg lebte, wo sie mit Klopstock und seinem Kreis in Berührung kam.

Nach dem Todes ihres Mannes zog sie nach Weimar. Ihr Weimarer Salon, in dem auch Goethe verkehrte, war berühmt. Auf literarischem Gebiet gab sie durch ihre Romane der damaligen schöngeistigen Literatur eine neue Richtung, sie schuf den sogenannten “Entsagungsroman”. Besonders bekannt wurde ihr Roman “Gabriele” (1819/20), den auch Goethe gelobt hat. Von bleibendem kulturhistorischen Wert sind ihre 1839 unter dem Titel “Jugendleben und Wanderbilder” erschienenen Danziger Jugenderinnerungen.

Wilhelm Schumacher

geb. 3. 1. 1800 in Danzig, gest. 28. 4. 1837 ebendort, war ursprünglich Sattlergeselle, dann Journalist und Schriftsteller. Er schrieb Erzählungen, Romane, Gedichte und Glossen zu Tagesereignissen. 1831 gründete er die Zeitschrift “Das Danziger Dampfboot”, die er sechs Jahre leitete und die in der Hauptsache Aufsätze von ihm selbst enthielt.

Herbert Sellke

geb. 30. 12. 1882 in Danzig, gest.  22. 4. 1939 ebendort, Journalist, veröffentlichte verschiedene Romane: “Maria am Gestade” (1920), “Die Schicksalsschmiede” (1928) u. a., die Gedichtsammlung “Das goldene Tor” (1924), das Sagenbuch “Danziger Nachtgesichte” (1918) und die im Dialekt geschriebene Novellensammlung “Nohberschlied” (1924). Auch ein Drama  “Der Kuss der Judith Simon” (1907) hat er geschrieben.

August Semrau


geb. 1816 in Groß-Jenznik bei Schlochau, gest. 1893 in Breslau, schrieb Gedichte im Dialekt der Koschneiderei, die 1845 veröffentlicht wurden.

Elisabeth Siewert

geb.  20. 11. 1867 in Budda bei Lubichow, Kr. Pr. Stargard, gest.  29. 6. 1930 in Berlin. Ihre in Westpreußen spielenden Romane und Novellen sind von Eindrücken der Natur und Kindheit bestimmt. 1906 erschien ihr Novellenband “Kinder und Leute”, 1913 die Romane “Unvergessene Menschen” und “Lipskis Sohn”, 1923 die Erzählung “Das Gesinde”, 1928 der Novellenband “Der Sumbuddawald” u. a.

Walter Sperling

geb. 25. 4. 1897 in Elbing, lebte nach dem Krieg in Bad Tölz, war vorwiegend Epiker, veröffentlichte aber auch Bastelbücher, Rätsel und Karikaturen. Nach seiner Schulzeit übersiedelte er nach Danzig, 1923 veröffentlichte er erste Texte. 1942 erhielt er den Literaturpreis der Stadt Danzig.

Er schrieb die Romane “Wassernächte” (1941), “Fährmann Huuk” (1949) und “Der Schatten des Erasmus Habedank” (1951), das Jugendbuch “Der bunte Sperling” (1939), die Erzählung “Die Reise nach Amerika” (1949), das Hörspiel “Der Flüchtling aus Saigon” (1951) und manches andere. Auch gab er seinerzeit die politisch-satirische Zeitschrift “Das Danziger Forum” heraus.

Anmerkung der Redaktion:

Von den meisten der genannten Autoren sind im deutschen Buchhandel aktuell keine Bücher lieferbar. Eine Ausnahme bildet Johanna Schopenhauer.

Johanna Schopenhauer: An Rhein und Maas. (Wohlfahrt) 1987. 120 S., 12 Abb., 11,00 Euro. ISBN 3-7463-140-0.
Johanna Schopenhauer: Gabriele. (Dietmar Klotz) 2000. 942 S., 142,10 Euro. ISBN 3-88074-713-X.
Johanna Schopenhauer: Promenaden unter südlicher Sonne. Die Reise durch Frankreich 1804. (Promedia) 1993. 280 S., geb., 21,90 Euro. ISBN 3-900478-63-5.

Die Internet-Anbieter amazon (www.amazon.de) und antiquario (www.antiquario.de) bieten einige antiquarische / gebrauchte Bücher von Walter Sperling an, z.B. Rätsel- und Bastelbücher, aber aufpassen: Es gibt weitere Autoren mit gleichem Namen!

Aus: “Jugendleben und Wanderbilder”

Von Johanna Schopenhauer

Ein großer Vorzug, der auch mir ward, und den man, wie jeden, mit dem die Natur uns freigebig beschenkte, gewöhnlich sehr spät erst erkennt, ist der, am Ufer des Meeres, im Angesicht desselben, möchte ich sagen, das Tageslicht zuerst zu erblicken. Wie oft habe ich das später im Binnenlande sehnsüchtig empfunden, wenn abends ein dunkelblauer, am flachen Horizont sich hinziehender Streifen mit lieber Illusion mich täuschte.

Was dem Schweizer seine Alpen mit ihrem würzigen Kräuterduft, das ist uns, am Ufer des Meeres Gebornen, sein frischer Hauch, der Anblick der ewig bewegten, unabsehbaren Fläche, das nie verhallende Gebrause seiner Wogen; entfernt vom Meer werden wir die Sehnsucht danach niemals los.

Kein Strom der Welt, nicht der Rhein mit seinen paradiesisch schönen Ufern, nicht die Donau, sogar nicht die Elbe und die Themse, mit ihren großen, prächtig einhersegelnden Seeschiffen und dem zum Himmel aufstarrenden Walde von Mastern in ihren Häfen, vermag uns Ersatz dafür zu bieten.

Dass es Leute geben könne, welche die See nie gesehen haben, kam als Kind mir ganz fabelhaft vor, späterhin fühlte ich wahres Mitleid mit den Berlinern und anderen Fremden, die zur großen, vier Wochen währenden Dominiksmesse nach Danzig gekommen, meine Eltern besuchten.

Spät abends stand ich, wenn im Hause alles stille war, am Fenster auf dem Gange, und lauschte mit einem ganz unaussprechlichen Gefühl auf die feierliche eintönige Melodie des bei gänzlicher Windstille aus den tiefsten Tiefen der spiegelglatten See zuweilen aufsteigenden Gebrauses, dieses Aufatmens der nächtlich ruhenden Natur.

Morgen gibt es schön Wetter, die See raart, sprach dann wohl Adam oder wer sonst von unsern Leuten an mir vorüberging, die See raart! Mir grauste ein wenig bei dem wunderlichen Wort, aber doch blieb ich an meinem Fenster.

Wie gern möchte ich nur noch einmal die See raaren hören! Von so manchem, das mir lieb war, bin ich jetzt unwiederbringlich geschieden, und weiß es; doch von dem Gedanken, dass mir so gar keine Hoffnung geblieben, jemals das Meer wieder zu sehen, wende ich immer mich ab.

Herbstliches Danzig

Von Herbert Sellke

Der Herbst kam in die Stadt. Der Winter droht
Mit kühler Ahnung aus Novemberferne.
Die Blätter wurden gelb und rot
Und nächtens flackern wie bei Frost die Sterne.

Nun wird des Jahres zweiter Frühling wach
Mit einem Lichte, das wie Wahrheit leuchtet.
Die zweite Sehnsucht flammt ihm nach
Wie rote Astern, die vom Tau befeuchtet.

Von Plan und Gassen schwand des Sommers Spur,
Altweibersommer spinnt den weißen Faden
Und schärfer zeichnet jegliche Kontur
Das Herbstlicht an dem Kunstwerk der Fassaden.

Am nahen Meer vor unsern Toren loht
Uns jetzt ein Leuchten auf in bunten Gluten:
Ein Grün, ein Blau, ein Muschelrot,
So grell und hell, wie Opfertiere bluten.

Befreiend geht der Wind von Land und nimmt
Mit sich des Lebens und des Herzens Schwere.
In blumenblauer Ferne schwimmt
Das weiße Band von Hela auf dem Meere.
 

Aus “Kinder und Leute”

Von Elisabeth Siewert

Die Stube ist nah und vertraut, über alle Maßen amüsant, aber in ihrer Luft lauert Heißes und Scharfes, und Erfahrungen aufregender Art verbergen sich, man sollte es gar nicht denken, überall? Draußen, wo die Dunkelheit trotz der weißen Decke aufsteigt, wird es schauerlich, und doch ist es das Gebiet des eigentlichen Lebens, der Freiheit und der Reinheit.

Unter der Lampe über dem runden Tisch macht sich Behagen bereit. Ich setze mich mitten hinein, wie in einer warmen Jacke. Mein Tuschkasten und ein Mäppchen mit Papierabfällen liegt vor mir.

Man stößt mit dem Ellenbogen an jemanden an, und jemand geht vorbei und rückt den Stuhl, auf dem man sitzt, ein Ende vom Tisch ab, man sieht zu, ob einem nichts weggenommen wird, etwa die Fleischfarbe. Zwang ist das, das letztere sogar Qual. Wir beide wissen das ganz gut, meine dunkelhaarige Schwester und ich.

Der lachende Schrank in der Ecke hat damit zu tun. Das oberste Fach darin gehört ihr, weil sie ein Jahr älter ist als ich, das untere mir und das unterste uns beiden zusammen, infolgedessen ist das eine verachtete Grube. Wir vergleichen unsere Sachen, stellen sie auf und freuen uns wild über die Schönheit und Herrlichkeit.

Wenn ich einmal finde, dass das obere Fach reicher besetzt ist, als meins, dann ist es, als ob eine Katze sich in mir festbisse. Meistens aber weiß ich nichts von meinem Besitz, darum bin ich so sonnig.
 

Abend am Haff

Von Walter Sperling
Ein Abend sinkt aufs Haff,
Mit langen, blauen Schatten,
Und blasser Sonnenglanz
Huscht über grüne Matten.

Das Licht des Tages scheidet
am schmalen Nehrungsstrand,
Und küsst mit Feuerlippen
Das schlafbereite Land.

Im Röhricht schlägt die Dommel,
Die Wildgans ruft im Traum,
Ein Reiher streicht ermüdet
Zum nahmen Waldessaum.

Von ferne klingen Glocken,
Ein Sternlein leuchtet auf,
Und Feierabendruhe
Beschließt den Tageslauf.

Die Kampen rauschen leise
Ein stilles Nachtgebet.
Bald nahen Nebelkreise,
Vom Nachthauch hergeweht.

Der Mond steigt auf am Steilhang,
Am Ufer schläft ein Kahn,
Und eine Ziegellomme
Zieht langsam ihre Bahn.

 

Teil  1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9