Geschichte und Landschaft

Hans-Jürgen Schuch

Westpreußen ist das Land zu beiden Seiten der unteren Weichsel. Es wurde vom Deutschen Orden erschlossen, der Burgen baute, Städte und Dörfer gründete. Westpreußen entstand aus preußischen und pommerellischen Landschaften und Herrschaftsgebieten. Dieses Land war bis 1920 eine preußische Provinz, die im Westen an Pommern grenzte, im Osten an Ost­preußen und im Süden an Posen. Die Landschaft ist geprägt durch die Weichsel und ihren Mündungsarm Nogat, zahlreiche andere Flüsse und viele Seen. Von Südosten kommend, bahnt sich die Weichsel über Thorn, Kulm, Neuenburg, Mewe und Dirschau bei Danzig den Weg zur Ostsee. 232 Kilometer durchfließt der Strom Westpreußen. Die Nebenflüsse Brahe, Schwarzwasser, Montau, Ferse und Mottlau münden von Westen, Drewenz, Ossa und Liebe von Osten kommend in die Weichsel. Im westlich der Weichsel gelegenen Pommerellen be­finden sich die einst 2500 Quadratkilometer große Tucheier Heide und die Kaschubische Schweiz mit dem 331 Meter hohen Turmberg, der von den Polen inzwischen mit nur 329 Me­ter Höhe angegeben wird. Östlich des Stromes reicht der Preußische Landrücken mit dem Kulmer Land und Pomesanien bis fast an die Weichsel und Pogesanien an das Frische Haff heran, dessen höchste Erhebung mit 197 Metern der Butterberg bei Elbing ist. Zwischen Danzig, Dirschau, Marienburg und Elbing befindet sich das Weichsel-Nogat-Delta. Dort liegt das Land bis zu 1,8 Meter unter dem Meeresspiegel. Das ist das Gebiet der drei Werder. Westlich der Weichsel liegt das Danziger Werder, und östlich des Stromes befindet sich das Marienburger Werder, unterteilt in das Große Marienburger Werder zwischen Weichsel und Nogat und das Kleine Marienburger Werder östlich der Stadt zwischen Nogat und Drausen-see. Das Elbinger Werder reicht von der Nogat bis vor die Stadt Tiegenhof.

Die Weichsel fließt bei Thorn in einer Höhe von etwa 35 Metern in Richtung Ostsee. Bei Graudenz sind es nur noch knapp 20 Meter. Der dort an der rechten Seite der Weichsel aufstei­gende Festungsberg erreicht eine Höhe von 85 Meter. Östlich davon erstreckt sich zwischen der Ossa im Norden und der Drewenz im Süden das Kulmer Land. Es ist eine hügelige Land­schaft, etwa 80 bis 110 Meter hoch, mit vielen Seen und von gewaltigen Schluchten, Paro-wen genannt, durchzogen. Nördlich davon, in Pomesanien, wird eine Höhe z. B. bei Gilwe, nahe der Kreisgrenze zwischen Marienwerder und Rosenberg, von 127 Metern gemessen. Das ist keine Gebirgslandschaft, aber ein Land, das bei etwa Normalnull beginnt und deren Höhenunterschied vom Besucher auch so empfunden wird.

Noch zur Landschaft Kujawien gehörend, aber an der Grenze zu Pommerellen, liegt die Stadt Bromberg an der Brahe im Thorn-Eberswalder Urstromtal, das an dieser Stelle besonders breit ist. Hier floß zur Eiszeit die Weichsel nach Westen. Friedrich der Große ließ durch einen Kanal die Brahe mit der Nahe verbinden. Das war im Osten der Beginn, die vier preußischen Stromgebiete Weichsel, Oder, Elbe und Rhein miteinander zu verbinden.

Mit Zustimmung von Kaiser und Papst begann im frühen 13. Jahrhundert der von Herzog Konrad von Masowien ins benachbarte Kulmer Land gerufene Deutsche Orden die Grundung des Deutschordensstaates Preußen. Dadurch wurde das im späteren Westpreußen gelegene Kulmer Land zur Keimzelle dieses für die damalige Zeit sehr fortschrittlich geglie­derten und verwalteten Staates, in dem es neben dem unmittelbaren Herrschaftsgebiet des Deutschen Ordens auch weltliche Territorien der Bischöfe und deren Domkapitel gab. Nach der Ordensherrschaft ab 1454/1466 und bis zur Zugehörigkeit zum Königreich Preußen ab 1772/1793 war das westliche Preußenland ein Ständestaat unter der Oberhoheit der Krone Polen, in dem die großen Städte Thorn, Elbing und besonders Danzig die Stellung von Stadt­republiken einnahmen. Die Wiedervereinigung der beiden 1466 getrennten altpreußischen Landesteile waren für König Friedrich II. von Preußen der Anlaß, die Namen Westpreußen dem westlichen und Ostpreußen dem östlichen Landesteil 1773 zu verleihen. Hauptverwal­tungssitz wurde 1772 mit Verwaltung und Gericht - Kammer und Regierung - die Stadt Marienwerder. Der eingeschränkt selbständige Netzedistrikt mit Sitz in Bromberg war Marien­werder unterstellt. Danzig wurde bei der Verwaltungsneuordnung 1815 Provinzialhauptstadt von Westpreußen. Die Provinz war in die beiden Regierungsbezirke Danzig und Marienwer­der eingeteilt. Der ehemalige Netzedistrikt wurde dem neuen Großherzogtum Posen - seit 1830 Provinz Posen - zugeteilt. Im Jahre 1910 war die Bevölkerung Westpreußens im Durch­schnitt zu 65 Prozent deutsch, zu 28 Prozent polnisch und zu sieben kaschubisch. Diese Zahlen wurden durch das Ergebnis der Wahl zur Nationalversammlung 1919 bestätigt.

Danzig erhielt 1920 gegen den erkennbaren Willen der Bevölkerung unter dem Schutz des Völkerbundes mit einem erweiterten Hinterland den Status einer Freien Stadt. Die im Westen gelegenen Kreise Deutsch Krone und Schlochau sowie der Restkreis Flatow wurden 1922 Teil der neuen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen und ab 1938 des gleichnamigen Re­gierungsbezirks in der Provinz Pommern. Sechs östlich der Weichsel gelegene Kreise bil­deten von 1922-1939 mit dem Sitz in Marienwerder den Regierungsbezirk Westpreußen in der Provinz Ostpreußen. In vier dieser Kreise war zuvor am 11. Juli 1920 eine unter interalli­ierter Aufsicht stehende Volksabstimmung durchgeführt worden, bei der sich mehr als 92 Prozent der Bevölkerung für ein Verbleiben bei Deutschland ausgesprochen hatten. Der flä­chenmäßig größte Teil der Provinz mit den historischen Städten Thorn, Kulm, Graudenz, Schweiz, Konitz und Dirschau wurde ohne Befragung der Bevölkerung vom Deutschen Reich abgetrennt und als „Korridor" Teil der neuen Republik Polen. Von 1939 bis 1945 bildeten bis auf die zu Pommern gelangten Provinzteile alle übrigen Stadt- und Landkreise Westpreu­ßens unter Hinzufügung der schon nach 1772 zur Kammer Marienwerder gehörenden Kreise Bromberg-Stadt und -Land sowie Wirsitz den Reichsgau Danzig-Westpreußen mit der Haupt­stadt Danzig, der für Verwaltungszwecke in die Regierungsbezirke Bromberg, Danzig und Marienwerder gegliedert wurde.

Neben einer intensiven Landwirtschaft mit einer z. B. stark ausgeprägten Zuckerindustrie verfügte das Land über ansehnliche Industrien. Schiffbau, Maschinenbau, Holz- und Tabak­verarbeitung wurden weit über die Provinz hinaus bekannt oder erlangten sogar Weltgel­tung. Die F. Schichau AG Elbing beschäftigte z. B. 1944 an ihren drei Schiffbauplätzen Elbing, Danzig, dem ostpreußischen Königsberg und in der Maschinenbau- und Lokomotivfabrik Elbing rund 44000 Menschen und hatte im Laufe der Jahrzehnte Schiffe in alle Erdteile geliefert.