Westpreußen-Jahrbuch 67/68 (2017/2018)


Der Doppelband enthält neben Gedichten von Gisela Brauer und Johannes Trojan zehn Aufsätze, die über die Geschichte und Kultur Westpreußens in allen ihren Ausprägungen Auskunft geben. Einige Autoren haben schon oft im Jahrbuch geschrieben, andere konnten zum ersten Mal für eine Mitarbeit gewonnen werden.


In der historischen Ordnung steht ein Aufsatz von Dr. Jürgen W. Schmidt an erster Stelle. Der Autor leistet einen Beitrag zum Themenkomplex der „Prußen in Ost- und Westpreußen“, indem er „Neues aus Archäologie und Vorgeschichte zu den Namensgebern der Preußen“ vorstellt. – Aus dem Nachlass von Hans-Jürgen Schuch schließt sich daran eine Darstellung über „Die Herrschaft Cadinen“ an. Das bekannte Örtchen am Frischen Haff mit der uralten Eiche hat eine lange Geschichte. Sie reicht, wie der Untertitel belegt, vom „Ordenshof 1255“ über das „Rittergut 1431“ bis zum „Hotel 1990“ und schließt auch die Phase mit ein, in der Kaiser Wilhelm II. hier ab 1898 ein Mustergut errichtete und die berühmte Majolika-Manufaktur etablierte.


Im dritten Beitrag berichtet der Elbinger Hans-Jürgen Klein über einen seiner Vorfahren. Es handelt sich um Jacob Klein, der in dänischen Diensten als Missionar in Indien wirkte. Einzelheiten seiner Ausbildung, seiner Tätigkeit und seiner Reisen – wie die einjährige Fahrt mit dem Segelschiff von Europa nach Indien – geben aufschlussreiche Einblicke in das Leben der Menschen in der damaligen Zeit. – Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hing man auch in Danzig dem alten Menschheitstraum vom Fliegen an und bemühte sich, „Ausflüge ins Luftmeer“, zu unternehmen. Dr. Marc Banditt erläutert anhand von Zeitzeugenberichten und von Unterlagen der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig „Aerostatische Versuche und Präsentationen“, bei denen meist der Heißluftballon genutzt wurde.


Zwei weitere Aufsätze hat Andreas Koerner beigesteuert. Der Text über „Bogumil Goltz und die Juden“ gewährt tiefere Einblicke in die damalige Situation der Juden und in die ihnen gegenüber unvoreingenommene und einfühlsame Haltung des Dichters, der 1801 in Warschau geboren wurde und 1870 in Thorn verstarb. Der zweite Beitrag widmet sich den „Weichselflößern“, die den Menschen an der Weichsel vertraut waren und in Thorn nachgerade zum Stadtbild gehörten. Überdies verweist der ­Autor auf Spuren, die das Flößer-Motiv in dem Gedicht „Pansmusik“ des aus dem Kreise Schwetz stammenden Lyrikers Oskar ­Loerke hinterlassen hat.


Des Weiteren schreibt Heiko Suhr über Dr. Gustav Bansi (1870–1935), der auf dem Rittergut Cholewitz im Kreis Briesen geboren wurde. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Thorn, nach Studium und verschiedenen Stellungen in der preußischen Verwaltung wurde er schließlich Regierungspräsident im ostfriesischen Aurich. Seine schwierige Situation in der beginnenden nationalsozialistischen Zeit, die ihm kaum eine andere Wahl ließ, als in den Ruhestand auszuweichen, wird aus den Quellen genau erschlossen. – Sodann untersucht Dr. Rainer Zacharias den „Kirchenkampf in Marienburg 1933 bis 1944“. Aus ganz unterschiedlichen Dokumenten entsteht hier ein detailreiches Bild von Abläufen, Zuständen und Personen in einem überschaubaren lokalen Feld, das die Nöte und das Aufbegehren der (evangelischen) Christen während dieser bedrängenden Zeit darstellt, gleichzeitig aber auch zahlreiche Perspektiven auf allgemeine und übergreifende Problemstellungen eröffnet.


Im vorletzten Beitrag beschreibt Dr. Sylwia Bykowska aus Danzig „Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Danzig nach dem Zweiten Weltkrieg“. Natürlich geschieht das hier aus polnischer Sicht, aber gerade aufgrund dieser veränderten Blickrichtung ist dieser Beitrag in hohem Maße aufschlussreich, denn nun rückt beispielsweise in den Fokus, wie viele polnische Verwaltungsstellen offensichtlich an diesen Vorgängen beteiligt waren und welche leitenden Vorstellungen hier entwickelt wurden. – Abschließend berichtet Pfarrer Helmut Brauer über die deutsch-­polnische Zusammenarbeit im Kreis Obornik, der im Norden der früheren Provinz Posen liegt. Dabei geht es um die Revitalisierung evangelischer Friedhöfe, und zwar vorwiegend durch die heutigen polnischen Einwohner. Pfarrer Brauers Vater, Wilhelm Brauer, war ebenfalls Theologe und wirkte als Pastor der deutschen Minderheit in Obornik. Zudem war er ein begeisterter Fotograf und hinterließ eine Fülle eindrucksvoller Farbbilder, die seinem Sohn die Möglichkeit geben, die damalige mit der heutigen Zeit zu vergleichen und dabei auch das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es ebenso wie heute auch schon in den 1930er Jahren eine gute Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschen gegeben hat.


So beschreibt das neue Westpreußen-Jahrbuch Ereignisse aus acht Jahrhunderten und berücksichtigt dabei auch sehr verschiedene Bereiche des menschlichen Lebens :  die Geschichte und Literatur, die Staatsverwaltung, die Naturwissenschaften sowie die Religion – und nicht zuletzt Versuche, die Verständigung, wenn nicht Versöhnung zwischen Deutschen und Polen zu vertiefen.

Hans-Jürgen Kämpfert

 

Münster: Westpreußen-Verlag, 2019, 208 S., € 19,50 – ISBN 978-3-9820565-0-0

Zu beziehen durch: Landsmannschaft Westpreußen, Mühlendamm 1, 48167 Münster-Wolbeck, Ruf: 02506 / 30 57 50,
Fax: 02506 / 30 57 61, E-Mail: Landsmannschaft-westpreussen@t-online.de

(HINWEIS: Die Mitglieder der Copernicus-Vereinigung haben das
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